Guten Tag.
Gestatten, Erde, angenehm. Nennen Sie mich doch einfach Terra.
Ich bin Planet im sogenannten Sonnensystem.
Wie schön Sie hier in diesem Rahmen kennenzulernen. Eine sehr gelungene Party! Und herzlichen Dank nochmal für die Einladung.
Ich bin froh, dass ich kommen konnte, denn ich fühle mich nicht besonders. Aber es ist toll, hier unter meinesgleichen zu sein. Wie viele nette andere Planeten.
Ja, Sie sagen es, mir ist schon viel nachgesagt worden. Ach, wissen Sie, die Leute reden immer so viel.
Und ja, tatsächlich, Ich bin viel bewundert worden, doch momentan befinde ich mich, wie soll ich sagen, na ja, irgendwie in einer Midlife Crisis. Entschuldigen Sie bitte meine direkte Ansprache. Aber seit einigen wenigen Jahren läuft es nicht mehr so ganz wie früher.
Gewiss, durch meine Belebtheit und den außerordentlichen Artenreichtum bin ich zu gewissem Ruhm in der Milchstrasse gekommen. Schauen Sie mein Antlitz an, ich bin immer noch attraktiv, auch mit 45. Doch zu welchem Preis? Ansehen ist doch nicht alles, finden Sie nicht auch? Manchmal frage ich mich schon, wo bleibe denn ich bei all dem Trubel auf mir?
In meinen Umlaufjahren gerechnet, bin ich seit 4.5 Millarden Jahren auf der Welt. Nun, in unserer planetarischen Maßeinheit sind das nun ziemlich genau 45 Jahre, denn 100 Millionen Jahre entsprechen einem terranischen Jahr. Diese Erdenjahre sind lediglich Atemzüge meines planetarischen Lebens. Ich atme recht schnell, so etwa 3mal pro Sekunde- Gerade wurde ich mit einer Maus verglichen, ich habe es an ihrem Blick gesehen. Aber Sie können ja gerne nachrechnen, wir terranischen Planeten werden trotzdem recht alt.
Sie wissen ja, was das bedeutet.
Mit 45 ist man noch fit, gewiss. Doch wächst auch die Gewissheit, dass die Hälfte nun schon vorüber ist. Man hat ja auch schon einiges erlebt und die Freunde sind immerzu mit sich selbst beschäftigt, so dass man sich gar nicht mehr richtig intensiv austauschen kann. Man hat noch ein halbes Leben vor sich, aber sieht schon das Ende. Ich habe irgendwie Angst, über meinen Untergang nachzudenken. Sonne, unser Mutterstern, wird auch nicht ewig leuchten, ich weiß. Dann wird sie sich irgendwann aufblähen und mich verbrennen. Ach, es ist schon schlimm, diese Sterblichkeit vor Augen zu sehen.
Furchtbar ist auch diese Einsamkeit im mittleren Lebensalter - deswegen bin ich so froh, dass sie mich auch eingeladen haben. Und dann dieser Neid und die Missgunst. Einige neiden mir, dass ich nun doch so schön belebt bin und viele Kinder bekommen habe. Aber die wissen doch gar nicht, wie anstrengend das sein kann. Manchmal beneide ich die unbelebten Planeten regelrecht. Die können so richtig in ihrer Zeit sein und vollkommenes Leer-Bewusstsein erlangen. Ich aber muss mich ständig um meine Lebenserhaltung kümmern. Ich hoffe, ich langweile Sie nicht mit meinen Ausführungen, aber ich habe so selten Gelegenheit, mal darüber zu sprechen.
Und, ach, wissen Sie, so plötzlich kommen dann die Krankheiten. Meine ersten Hitzewallungen hatte ich schon im vergangenen Jahr. Ganz plötzlich kam das, und ich sehnte mich mit einem Mal nach Kühle. Ich habe nie übers Kranksein nachgedacht, und mit einem Mal überfällt es einen wie ein Blitz.
Wenn man immer so heissgelaufen ist, dann sehnt man sich regelrecht nach Abkühlung. Eiszeiten nennen sie das, meine jüngsten Bewohner. Sie haben in meinen Eingeweiden geforscht und einiges zutage gebracht. aber wissen Sie, manchmal ist das schon komisch, wenn einem so in der Haut gebohrt wird und alles peinlichst genau analysiert wird, Es gibt doch auch eine gewisse Scham. Auch bei Planetenweibchen. Und da meine Natur ja eher Weiblich ist, finde ich es manches Mal gar unerträglich, wie in meiner Würde gewühlt wird.
Ach, genau da wären wir beim Thema. Ich liebe meine Bewohner, sind sie doch alle ein Teil von mir.
Aber wissen Sie, diese Menschen, die da seit einigen Wochen kürzlich aufgetaucht sind, machen mir doch ganz schön zu schaffen. Seltsame Wesen sind das. Sie vermehren sich wie einst die ersten Lebewesen auf mir, die Bakterien. Doch wenn sie das tun, bohren sie in meine Haut, pumpen Lymphe ab und schälen mir die Grünlunge ab und versiegeln alles mit Schlackesubstanzen aus meinen Hautablagerungen. Die brauchen sie, um darauf mit kleinen Metallblasen zu fahren, die sie Autos nennen. Aber ich muss doch atmen können, warum machen diese Kreaturen das nur? Zerstören alles, um ein bisschen Energie für ihre seltsame Lebensweise zu erzeugen. Die haben doch tatsächlich vergessen, dass ich ihre Schöpferin bin, und nun machen sie mir das Leben schwer. Das bisschen Energie, was die da brauchen, das könnte ich denen auch aus meinem Bauch spendenm oder ihnen von unserem Gnadenstern Sonne hinabsenden. Aber sie leben nur auf meiner Haut und bohren darin, dass ich bald Mitesser bekomme. Ich fange schon an zu husten. Mein Blut ist auch schon ganz verstopft, und meine Leber nimmt noch Schaden. Die pumpen alle flüssigen Mineralien aus meiner Haut und bringen noch meine wunderschöne Pfirsichhaut zum vorzeitigen Altern. Schön ist das nicht.
Ich möchte doch noch eine hübsche Perle im Raum bleiben, auch wenn ich schon 45 bin. Das ist doch noch kein Alter, letztens habe ich im Kosmos Web eine rassige Planetin mit sage und schreibe 65 Jahren gesehen, da stimmte noch die Atmosphäre und alle Bewohner. Das Lebensmilieu war einfach perfekt. Sehen Sie mal was das ausmacht. Ich habe mir irgendwie immer die falschen Befruchter ausgesucht. Ich glaube, ich muss mal zum Schamanen und mein Seelen-Energiesystem wieder in Einklang bringen.
Ich weiß, das klingt alles furchtbar selbstmitleidig, und ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen alle diese privaten Dinge erzähle, aber irgendwie mag ich Sie. Nennen Sie mich doch einfach Gaia, so kennen mich meine Freunde. Schön, mal so alles loszuwerden und frei erzählen zu dürfen.
Also jetzt ist es manchmal regelrecht unerträglich, und ich bekomme plötzlich Fieberschübe seit gestern. Ich glaube, wenn das nicht aufhört, muss ich morgen mal zum Arzt und eine Art Schwitzhütten-Kur machen.
Bei aller Liebe, aber das geht dann doch zu weit.
„Husten Sie doch mal ab“ hat er beim letzten Besuch zu mir gesagt und mir ein Energiemittel auf der Basis von Uran 235 gezeigt. „Dann können Sie diese ungebetenen Bewohner sicherlich bald loswerden.“ Das Mittel hilft innerhalb von Sekunden und sorgt dafür, dass sich diese Pest von selbst ausrottet. Nach einer Stunde werden Sie vollkommen genesen sein. Neue Lebewesen werden ihren Platz finden. Das ist eine richtig geniale Frischzellenkur.
Wenn das furchtbare Fieber bis nachher nicht weg ist, dann nehme ich das Mittel.
Ich weiß nicht, ob ich soll, aber vielleicht werde seinen Ratschlag mal annehmen. Wenn der Schamane nicht hilft, dann muss ich eben diese Giftpille nehmen.
Mir ist so heiß.
Aber wissen sie, es ist schön, alles mal Revue passieren zu lassen. Eigentlich wären diese neuesten Krankheitserreger ja gar nicht so schlimm, denn sie bringen auch ein bisschen Intelligenz mit. Zwar reicht sie nicht aus, um sie selbst am Leben zu erhalten, aber die kleinen Quälgeister haben mir auch ganz schön viel Freude bereitet.
Sie haben sogar etwas ganz Wunderbares erfunden, das sie Musik nennen. Kompositionen von wundervollsten Schwingungen, die meine Sele streicheln.
Und sie haben auch viele Sprachen, die so schöne Gedichte schreiben können, dass die Herzen aufgehen. Aber die Musik, die braucht keine Erklärung, die schwingt einfach in mir. Das ist das Schönste.
Leider gibt es auch Schmerzen. Man muß sie im Zaum halten, sonst zerfressen sie noch meine ganzen Eingeweide. Es reicht schon, dass mein Stoffwechsel so stark gelitten hat. Wie gesagt, alles erst seit einem Tag. Aber das das war der schlimmste Tag in meinem Leben, und deswegen bin ich auch so froh, dass ich bald Hilfe bekomme.
Ach, man könnte fast sentimental werden, wenn ich an die lange Zeit meiner Jugend denke, wo alles noch easy war und ich mir über nichts Gedanken machen brauchte. Wo nur kleine Mikroorganismen meine Haut bewohnten und alle atmosphärischen Prozesse wie von Selbst in Gang gekommen sind. Ich kannte keine Sorgen wie Überbevölkerung einzelner Arten oder Hitzwallungen oder Schicksalschläge wie Kometeneinschläge. Wie ich Energie bekomme, wie ich am besten atme und meine Energiefelder schütze. Das ging so bis zu meinem 21. Lebensjahr. Ich kann sagen, dass ich eine wunderschöne Jugend hatte. Anders als andere, die in dem Alter schon schwere Schicksalsschläge auf sich nehmen mussten. Man kennt ja diese Fälle nur zu gut. Aber ich hatte Glück.
Dann kam die Zeit der Ausbildung von höherem Leben. Auch eine schöne Zeit, bis es dann plöztlich rappelig wurde vor 5 Jahren. Das war dann Leben pur, es hat immer so schön gekitzelt auf meiner Oberfläche. Und dann hatte ich vor gut einem halben Jahr dann diesen heftigen Kometeneinschlag. So ein Unfall kann ihr ganzes Leben verändern. Das hat es. Nichts war mehr so wie vorher. Diese schönen, starken, wenn auch etwas damals noch dummen Dinosaurier wären wohl zu Höherem geboren gewesen, doch dann war einfach Schluss damit. Ich bin immer noch traumatisiert. Danach kam erst mal nur das, was man aus den Nachkriegsfilmen her kennt. Notprogramm, Säugetiere und dann noch diese Menschen. Na ja, man muss eben das beste aus seinem Schicksal machen, finden Sie nicht auch?
Alles Probleme, die mit der Verantwortung für höheres Leben auf mich zukamen.
Die letzten Jahre waren manchmal sehr anstrengend. Ich habe das alles mit Freude auf mich genommen, denn ich gebe so gern, wissen Sie.
Ab er man möchte doch auch ein wenig respektiert werden dafür. Nun hatte diese neue Erregerart, die sich selbst Menschen nennen, eigentlich am Anfang meine Schöpfung ganz liebvoll respektiert und mit ihr im Einklang gelebt. Das war noch der Fall vor einigen Tagen. Ich habe sie ja erst seit etwa einem Monat. Aber seit heute Abend, nur wenige Momente ist es her, da muss es eine neue Mutation gegeben haben, die sich explosionsartig vermehrt hat. Ich glaube, sie nennen sich die Homo Sapiens Sapiens und betreiben eine Form von weltweitem Handel, den sie Globalisierung nennen - wie niedlich. Aber die Folgen der Verschmutzung lähmen alle anderen Prozesse. Es ist erst seit ein paar Minuten richtig schlimm, und ich glaube, ich muss mal raus gehen an die frische Luft.
Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein, aber mir ist wirklich Elend zumute.
Bitte holen Sie doch den Krankenwagen. Ich halte es nicht mehr aus.
So lange wie ich hier warte, spielen sie mir doch bitte noch die 9. Sinfonie von Antonin Dvorak „Aus der Neuen Welt“. Ich glaube, ich muss mein Leben nochmal komplett ändern. So kann es nicht weiter gehen. Das kann es doch noch nicht gewesen sein. Ich brauche eine neue Aufgabe.
Midlife Crisis.
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