Das Alter ist nicht etwa nur grau. Es gibt auch eine Farbe des Alters. Sie ist Beige, Khaki oder Schiefer mit changierendem Leopardenmuster. Die Bügelfalten der Gabardinhosen sind stets sauber, und die sogenannten Gesundheitsschuhe sind wohl eher dem einheitlichen Senioren-Kleidungskodex geschuldet als wirklich gesund. Mann trägt lochgestanzte braune Slipper mit Keilsohle, während Frau Senior Sandaletten mit goldbestäubten Lederriemchen und ganz flachem Absatz an ihre noch recht ansehnlichen Füße kleidet.
Wenn die offenen Beine doch zu hässliche Besenreißer freigeben, werden sie sorgsam in hellgrauen Mokassins mit durchgehender Kunstoffsohle und dazu passenden weissen Kniesocken mit einem eleganten rot/schwarz/weissem Karo-Ziermuster an der Aussenseite verdeckt.
Es muss eine abseitige Schuhindustrie geben, die diese Menschenmassen in der zweiten Reihe mit lochgestanzten grauen Gesundheitsschuhen versorgt.
Der Laufsteg für diese Haute-Couture sind die Wartezimmer der Orthopädien, Kardiologen und Reha-Anstalten.
Selten finden sich Kontaktmöglichkeiten zur jüngeren Generation. Deshalb ist der Wert von Wartezimmern gar nicht hoch genug einzuschätzen. Wer noch keine Eltern im Seniorenstadium hat, kann nicht wissen, welche scheuen Habitate diese Spezies der lebensabgewandten Generation bewohnt.
Sie wirken wie eine dunklen Materie der Gesellschaft. Fast nicht auszumachen, da durch Seniorenkleidung gut getarnt, wirken sie lediglich durch ihr Gravitationsfeld in jedem Winkel der Gesellschaft. Ihre Stärke ist das ausgesprochen zahlreiche Auftreten an konzentrierten Orten in Gruppen, Wirkungsclustern gleich. Dabei werden durch die Tarnkleidung Lichtstrahlen weder reflektiert noch absorbiert, um diese Bevölkerungsgruppe möglichst durchsichtig erscheinen zu lassen. Doch die Wirkung entfaltet sich durch die vielfache Massenanziehung der gemeinsamen Interessen. Romy Schneiders Sterbedrama in der Freizeit Revue, Wim Toelkes Schlaganfall oder Peter Alexanders greise Welt-Einsichten in der Gala werden zu Inhalten, die ganze Restleben füllen können.
Scheu sind die Blicke derer, wenn ein jüngeres Mitglied auf sie aufmerksam wird oder gar ein Gespräch anzettelt. Dabei wollen sie doch meist nur eines: Unerkannt bleiben, und dabei beobachten. Das Leben der anderen konsumieren, weil das eigene doch so farbenleer geworden ist. Genau wie die beigefarbene Strickjacke, die sauber und faltenfrei getrocknet mit 2 Über-Konfektionsgrößen über die Stuhlkante fällt.
Wohin ist das bunte Leben verschwunden? Es scheint, als wäre da in jedem dieser Menschen ein schwarzes Loch, das jenseits der Lebensmitte jeden frohen Keim wie durch einen Gulli weggesogen hätte. Man könnte soger vermuten, dass der Hang zur Farbenleere im Seniorenalter ein naturgegebener Evolutionsschritt sei und sich entlang eines vorgegebenen genetischen Codes vollziehe. Dem widersprechen die statistischen Ausreißer. Es gibt ja wenige Vetreter der menschlichen Spezies, die auch nach dem Eintritt ins 65. Lebensjahr noch stilsichere Kleidung tragen und sich einer Selbstreflexion sicher sind. Was allerdings in Berlin-Lankwitz nur eine vernachlässigbare Randerscheinung der sich eindeutig in der Überzahl befindlichen spießigen Kleinbürger mit Hang zur Graukleidung ist. Insbesondere fällt auf, dass die Kleidung vorzugsweise in so eleganten Bekleidungshäusern wie Woolworth, Rewe, Aldi oder Lidl an der Kassenfurt eingekauft gewesen sein muss. Es ist ihnen vielleicht nicht einmal vorzuwerfen, denn in diesen kleinbürgerlichen Idyllen in großstädtischer Randlage gibt es vorzugsweise nur die Massenversorger, die ihre Ware aus einer internationalen Spießerversorgerindustrie Made in China beziehen.
Und man ist etwas bequem geworden, oder kann es tatsächlich nicht aus gesundheitlichen Gründen, den angestammten Kiez zu verlassen.
So also kreist um jede Großstadt ein Koipergürtel aus spießigen Staubwolken, die lange genug in ihrer chaotischen Umlaufbahn verweilen, bis sie erneut in das Gravitationszentrum des städtischen Sonnensystems hineingesogen und zu lebender Materie recycelt werden. Eigentlich steht es zu vermuten, dass ursprünglich alles Leben aus den miefigen Vorstadtkreisen und Umlaufwolken entstanden ist, obwohl dort eigentlich alle Materie sich noch in einem Vorstadium der Menschwerdung befindet. Meines letztlich auch.
Das ist der Kreislauf von Werden, Verweilen, länger Verweilen, langsam Vergehen, wirklich Vergehen und Wiedergeboren werden.
Wir heißen sie willkomen in unserer Orthopädiepraxis in Berlin-Lichterfelde Ost!
Saubere, gepflegte Restmenschen in ruhiger Randlage, fußläufig nicht mehr erreichbar. Aber zur sofortigen Besichtigung freigegeben.
Bringen Sie ihre Aufenthalts- und Lethargieberechtigung mit, dann können Sie noch heute ihren Daseinsvertrag unterzeichnen.
Vielen Dank im Voraus.
|